«Viele Konsumenten sind verunsichert»: Der Einkaufstourismus nimmt zu – HSG-Experte Thomas Rudolph über die Folgen für den Ostschweizer Handel

Schweizerinnen und Schweizer kaufen mehr im Ausland ein als noch vor drei Jahren. Was bedeutet das für den Ostschweizer Detailhandel? Muss die Zollfreigrenze weiter sinken? Thomas Rudolph, HSG-Professor für Handelsmanagement, und Matthias Hotz, Präsident des Verbands der Thurgauer Fachgeschäfte, diskutierten im TVO-Talk «Zur Sache».

Der Trend zeigt wieder nach oben: Nach einem Rückgang während der Coronazeit nimmt der Einkaufstourismus erneut zu. Schweizerinnen und Schweizer geben 2025 für den Einkauf von Lebensmitteln, Sportartikeln, Textilien und Drogerieprodukten im Ausland insgesamt 9,2 Milliarden Franken aus. Das sind zehn Prozent mehr als 2022, wie eine Studie des HSG-Instituts für Handelsmanagement zeigt. Vor allem Lebensmittel werden deutlich häufiger im Ausland eingekauft. Beliebteste Destination für Einkaustouristen aus der Deutschschweiz ist immer noch Konstanz. 

Was bedeutet das für die Ostschweiz, und wie sollen die hiesigen Läden reagieren? In der Talksendung «Zur Sache» am Mittwochabend diskutierten Thomas Rudolph, HSG-Professor und Autor der Studie, sowie Matthias Hotz, Präsident des Thurgauer Fachgeschäfteverbands, mit Moderator und «Tagblatt»-Chefredaktor Stefan Schmid.

Spardruck auf die Haushalte nimmt zu
Rudolph sieht finanzielle Gründe für den Anstieg des Einkaufstourismus. «Viele Konsumentinnen und Konsumenten sind verunsichert.» Der Spardruck habe zugenommen, zum Beispiel wegen der steigenden Krankenkassenprämien. Aber auch das Ausflugserlebnis und die Verfügbarkeit anderer Marken spielten eine Rolle. Die Senkung der Schweizer Zollfreigrenze von 300 Franken auf 150 Franken habe den Einkaufstourismus bei manchen Produkten zwar gebremst, zum Beispiel im Drogeriebereich - nicht aber bei den Lebensmitteln. 

Hotz sagt, die Zollfreigrenze sei noch immer zu hoch. «Bei 50 Franken hätten wir gleich lange Spiesse wie das benachbarte Ausland.» Er erinnert daran, dass die Detailhandelsgeschäfte in der Schweiz deutlich höhere Kosten haben als die ausländische Konkurrenz - das Lohnniveau sei etwa doppelt so hoch. Hinzu komme, dass viele Lieferanten einen «Schweiz-Zuschlag» erheben würden. Die schädliche Wirkung des Einkaufstourismus auf den Ostschweizer Handel sei beträchtlich. «Arbeits- und Ausbildungsplätze sind gefährdet.» Hotz äussert Verständis für Personen, die knapp bei Kasse sind und deshalb auf Läden im Ausland ausweichen. Die neue HSG-Studie zeige allerdings auch, dass die Preisunterschiede zwischen der Schweiz und dem nahen Ausland teils überschätzt werden - und dass ein relativ grosser Teil der Einkaufstouristen ein schlechtes Gewissen hat. Die Konsumenten schätzen den Preisunterschied auf durchschnittlich 66 Prozent, tatsächlich liegt er bei 40 Prozent.

Müssen die Ostschweizer Läden härter verhandeln?
Der HSG-Experte warnt: «Auch wenn die Zollfreigrenze auf Null sinkt, wird das den Einkaufstourismus höchstens bremsen, aber nicht stoppen.» Was könnte den Ostschweizer Läden also sonst noch helfen? Verbandspräsident Hotz sagt, die Branche könne Gegensteuer geben, indem sie mit den Zulieferern härter verhandle, nach dem Vorbild der Grossverteiler. Der Vorteil der Fachgeschäfte in der Ostschweiz bestehe darin, dass sie hochwertige Produkte und gute Beratung bieten würden - ganz im Gegensatz zu Billiganbietern im Internet.

Rudolph vermutet, das allein werde nicht ausreichen: «Die Fachgeschäfte in der Ostschweiz müssen sich weiterentwickeln» - und die Kundschaft stärker an sich binden, eine Community bilden, zum Beispiel mit Veranstaltungen.

Bedenkliche Billigimporte aus China
Welche Tendenz ist beim Einkaufstourismus in Zukunft zu erwarten? «Ich denke, er wird zunächst stagnieren», sagt Hotz. Und dann komme es auf den Frankenkurs und die Wirtschaftslage an. «Vielleicht läuft es ja irgendwann wieder umgekehrt, und die Ausländer kommen vermehrt in die Schweiz einkaufen, so wie früher.» Rudolph sieht das nicht so optimistisch: Der Einkaufstourismus der Schweizer werde eher weiter zunehmen. 

Mit Blick auf den Onlinehandel erwähnt Rudolph, die neuen chinesischen Anbieter hätten sich rasend schnell ausgebreitet. Temu, erst 2022 gegründet, ist bereits in über 80 Ländern tätig. Im Schweizer Onlinehandel belegt Temu den zweiten Platz 2 (hinter Amazon), Shein liegt auf Platz 3. Dass 95 Prozent dieser chinesischen Waren per Flugzeug importiert würden, bezeichnet der HSG-Professor als «sehr bedenklich», etwa wegen der Auswirkungen auf die Umwelt. Aber für den Ostschweizer Detailhandel, da sind sich Rudolph und Hotz einig, stellt die Konkurrenz im Internet noch immer das kleinere Problem dar als die stationären Läden im nahen Ausland. Von den 9,2 Milliarden Franken, die den Schweizer Geschäften wegen des Einkaufstourismus entgehen, entfallen momentan 1,6 Milliarden auf den Onlinehandel.

Thurgauer Zeitung, Donnerstag, 02. Oktober 2025

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